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  • Franz Coester

Alleine über den Atlantik


Nach mehreren Wochen Lockdown und Ausgangssperre auf Grenada sticht mich der Hafer. Bei allem Verständnis für die Corona Krise und die Massnahmen der Behörden zweifle ich doch an deren Menschenverstand. Wie kann man die Supermärkte schliessen und nur zwei Tage pro Woche öffnen? Die Folgen sind klar, die Menschen stehen stundenlang Schlange, bis zu zehn Stunden haben die Leute hier zum Teil in der prallen Sonne ausharren müssen, bis sie endlich ihre dringend notwendigen Einkäufe tätigen konnten. Inzwischen sind die Massnahmen ein wenig gelockert, drei Tage pro Woche kann man einkaufen, ansonsten immer noch Ausgangssperre.

Am 24. April lichte ich den Anker und fahre von Prickley Bay nach St. Georges. Nur dort kann ich ausklarieren und das auch nur an wenigen Tagen pro Woche. Auf die Frage des Beamten, wann ich losfahren wolle, antworte ich, am folgenden Morgen früh. Das sei nicht möglich, sagt er, wenn ich jetzt ausklariere, müsse ich umgehend Grenada verlassen. Dann komme ich morgen Vormittag wieder, sage ich. Das sei nicht möglich, erst in drei Tagen wieder. Also versichere ich, dass ich sofort losfahre und erledige den Papierkram. Danach zurück aufs Schiff, wo ich gemütlich den Abend verbringe und am nächsten morgen gut ausgeruht Richtung St. Martin aufbreche. Wie gesagt, der gesunde Menschenverstand ist auf der Strecke geblieben.

Auf St. Martin will ich ein paar Tage ausruhen und wenn möglich noch Mitsegler finden. Das kommt dann aber alles ganz anders.


Dienstag 28. April 2020 - 18°N 63°W - Wind E 14 Knoten

Jetzt bin ich also losgefahren, habe mich auf den Weg gemacht alleine über den Atlantik. Das ist ein grosses Abenteuer, welches ich nicht unbedingt gesucht habe. Aber meine Suche nach Crewmitgliedern ist trotz vieler Kontakte leider erfolglos geblieben. Die meisten Interessenten waren auf irgendwelchen Inseln, ohne Möglichkeit zu mir zu kommen. Es ist ein ziemliches Chaos hier, Schiffe, die Crew suchen, Crew, die Schiffe suchen und sehr restriktive Behörden. Jetzt will ich einfach nach Hause.

In den vergangenen Tagen bin ich von Grenada nach St. Martin gesegelt. Phantastische Segelbedingungen, herrlich klare Sternennächte. Nachdem ich die Rümpfe in Grenada noch gereinigt hatte, läuft die Swiss Mocha ausgezeichnet.

Ich hatte beabsichtigt, in St. Martin auszuruhen, mich vorzubereiten und eine Crew zu suchen. Aber wie heisst es so schön, der Mensch plant und die Götter lächeln. St. Martin lässt mich nicht einreisen, ich darf auch nicht ankern. Das war nicht so kommuniziert worden, aber alle Argumente und alles Bitten helfen nichts. Ich fahre trotzdem in die Bucht von Marigot und treffe Richard. Für ihn habe ich einen Spinnakerbaum aus Grenada mitgebracht. Als Gegenleistung geht er für mich einkaufen. Zwei Stunden später bin ich verproviantiert und um irgendwelchen grösseren Problemen mit den Behörden auszuweichen, fahre ich wieder los, bevor sie mich erwischen. Nicht auszudenken, was dann passiert wäre.

Mein Segelfreund um nicht zu sagen Segelmentor Christian wird mich während der Überfahrt aus der Schweiz unterstützen und das Wetterrouting liefern. So ist das Problem der Wetterdatenbeschaffung auch gelöst.

Ein Vogel ruht sich noch für einige Zeit auf meinem Aussenborder aus. Schliesslich sucht er aber das Weite. Über den Atlantik will er nicht.

Ich bin gespannt, ein wenig angespannt und ich freue mich auf die kommenden Wochen.


Mittwoch 29. April 2020 - 20°N 62°W - Wind ESE 15 Knoten

Die erste Nacht liegt hinter mir. Der Wind bleibt moderat und ich kann mich mit wiederholtem Halbstundenschlaf gut erholen. Der Vormittag dann eher ungemütlich. Mehrere Regenzellen bringen Turbulenzen. Reffen, ausreffen, wieder reffen dann Flaute. Zwei Stunden später stabilisiert sich die Geschichte und den Rest des Tages bleibt der Wind bei 10 bis 15 Knoten aus ESE. Ich befinde mich noch in der Passatzone, der Seegang ist schwach bis mässig. Ich bin entspannt und geniesse das Segeln. Ansonsten ist nichts zu berichten, keine Delfine gesichtet, keinen Fisch gefangen. Weit und breit ist kein Schiff in Sicht. Im Umkreis von 50 Seemeilen erscheint kein einziges AIS-Signal. Ich bin alleine auf der Welt und die Stereoanlage hämmert Bon Jovi und ABBA. Das ist gar nicht so schlecht, selbst wenn es zugegebenermassen Geschmacksache ist. Keine Nachbarn, die sich über den Lärm beschweren.

Die ersten 150 Seemeilen sind geschafft. Wie sagt der Mann, der vom Hochhaus springt - so weit so gut. 2100 Meilen liegen vor mir, ich hoffe, in 14 Tagen auf den Azoren anzukommen.


Donnerstag 30. April 2020 - 22°N 61°W - Wind E 10 Knoten

Der Passat bleibt mir treu, die Swiss Mocha zieht bei 10 bis 13 Knoten Wind unbeirrbar wie ein Traktor Richtung Nordwest. Und die Geschwindigkeit entspricht auch dem Bild des Traktors, 10 Kilometer - mehr oder weniger - lege ich pro Stunde zurück. So schnell kann ich auch joggen, allerdings nicht so weit. Was tut man mit all der Zeit bei dieser Gemächlichkeit? Ich lese viel, liege dösend in der Sonne, schaue stundenlang zum Horizont und in die Wolken. Manchmal scheint die Zeit still zu stehen und dann wieder vergeht sie erstaunlich schnell.

Jeden Morgen um acht Uhr setze ich meine Positionsmeldung ab. Zum einen an Christian, der mir dann die Wetterdaten und die empfohlene Fahrtrichtung übermittelt. Zum anderen an Trans Ocean, ein deutsches Seglernetzwerk. Dort werden alle Daten gebündelt und ich bekomme dann die Positionsdaten von anderen Seglern in meiner Nähe. Aber da ist momentan niemand. Vielleicht ändert sich das sobald ich weiter nördlich bin und Richtung Azoren abdrehe.


Freitag 1. Mai 2020 - 25°N 60°W - Wind ESE 18 Knoten

Es wird langsam kühler, ich habe die Passatzone verlassen und befinde mich jetzt an der Südflanke eines Hochdruckgebietes. Der Wind bläst am Vormittag aus ENE, ich muss Richtung Norden segeln. Im Lauf des Nachmittags kommt dann der erhoffte Winddreher über E nach ESE. Die Richtung stimmt also wieder, Kurs NE liegt an.

Der Seegang hat merklich zugenommen. Hart am Wind ist die Fahrt ruppig und ein wenig ungemütlich. Aber ich mache gute Fahrt, bis zu 8 Knoten schnell bin ich jetzt unterwegs. Grosssegel und Genua sind im ersten Reff.

In den kommenden Tagen geht es darum, weiter nach Nordosten zu gelangen. Ungefähr ab dem 30. Breitengrad sollte ich dann in die Tiefausläufer kommen, die mich hoffentlich mit ordentlichem Schub nach Osten zu den Azoren befördern werden.


Samstag 2. Mai 2020 - 27°N 58°W - Wind SSE 15 Knoten

In der Dunkelheit haben sich ein paar fliegende Fische auf die Swiss Mocha verirrt, ich finde sie am Morgen nach dem Aufstehen, arme Dinger.

Die Nächte vergehen inzwischen wie im Fluge. Den Schlafrhythmus habe ich jetzt auf eine ganze Stunde ausgedehnt. Ich schlafe im Salon, das iPhone mit der Plotteranzeige direkt vor meiner Nase. Wache ich zwischendurch auf, blinzle ich kurz auf die Anzeige, Wind, Geschwindigkeit, andere Schiffe - alles in Ordnung. Ausserdem sind alle möglichen Alarme aktiviert, die mich bei Bedarf sofort wecken. Jede Stunde stehe ich auf, Rundumblick, Segelstellung, Logbucheintrag. Und dann wieder schlafen, so bin ich dann am Morgen topfit. Wie wichtig diese Erholung ist, weiss ich seit einer fatalen Fehlentscheidung in übermüdetem Zustand vor einigen Jahren. Seither achte ich ganz besonders auf diesen Punkt.

Es ist ein trüber Tag heute, meistens bedeckt und immer wieder Regenschauer. Das Meer wie Blei, ein wenig bedrückend. Die Temperatur ist weiter gesunken, inzwischen trage ich meistens meinen Faserpelz. Ich halte mich weiter nordwärts. Das Hochdruckgebiet liegt nordöstlich von mir, aber ich muss dessen Nordseite erreichen, um den guten Wind zu erwischen.


Sonntag 3. Mai 2020 - 29°N 57°W - Wind N 5 Knoten

Mitten in der Nacht verabschiedet sich der Wind und die Swiss Mocha dümpelt mit schlaffen Segeln im Atlantikschwell. Da hilft alles nichts, ich berge den Code Zero und starte einen der Motoren. Das widerstrebt mir zwar zutiefst, aber in der Flaute sitzen und auf Wind warten ist auch kein erspriesslicher Gedanke.

Morgens um fünf, nach einigen Stunden erholsamen Schlafes, erwartet mich ein wunderschöner Sonnenaufgang und eine relativ ruhige See.

Nach dem feuchten Wetter vom Vortag ist alles ein wenig klamm. Ich lüfte das Schiff ordentlich durch und hänge alle Decken und Tücher zum Trocknen an die Reling. Aber es dauert nicht lange und der Himmel ist einmal mehr bedeckt. Den Rest des Tages regnet es immer wieder. Inzwischen trage ich lange Hosen, der ewige Sommer ist für den Moment vorbei.

Ein paar Stunden kann ich wieder segeln und komme gut voran, aber am späten Nachmittag sitze ich wieder in der Flaute. Unter Motor tuckere ich in die trübe Nacht hinein.


Montag 4. Mai 2020 - 30°N 55°W - Wind N 3 Knoten

Ich bin jetzt seit sieben Tagen unterwegs und mit jedem Tag fühle ich mich freier und befreiter. Was für ein unglaubliches Gefühl, alles sonst alltägliche rückt mehr und mehr in den Hintergrund.

Ich bin schon seit langem der Ansicht, dass das Segeln zu den letzten grossen Freiheiten auf unserem Planten gehört. Aber nie war mir das so bewusst, habe ich das so hautnah und intensiv erlebt, wie jetzt ganz alleine auf hoher See.

Langeweile kenne ich nicht, alles verändert sich laufend. So vergeht Tag um Tag. Ich denke an den Film „Groundhog Day“, wo es darum geht, denselben Tag immer wieder zu leben, bis er perfekt gelebt ist. Mit der Zeit verliert man die Ungeduld, schaut nicht ständig, wie weit man schon gekommen ist. Man wird ruhig und ruhiger, nichts stört. Und vielleicht gelingt irgendwann der perfekte Tag.

Nur die tägliche Wettermeldung von Christian und ein Lebenszeichen von und zu Carolin über das Satellitentelefon verbindet mich mit dem Rest der Welt. Ansonsten ist Sendepause. Lockdown, Ausgangssperre, Reisebeschränkungen, Infektionsraten, alles weit weg und nicht mehr wichtig. Nach diesem ganzen Corona-Chaos geniesse ich das unendlich.


Dienstag 5. Mai 2020 - 32°N 54°W - Wind WSW 23 Knoten

Seit mehr als 24 Stunden fahre ich nun unter Motor durch die hochdruckbedingte Flaute Richtung Norden. Das ist ganz schön monoton, aber die See ist ruhig und nur leicht bewegt. Ich konnte mal wieder aufräumen, abwaschen und mir eine dringend notwendige Dusche genehmigen. Im Morgengrauen setzt dann zaghaft der vorausgesagte Südewestwind ein. Ich setze den Code Zero und der Motor verstummt. Der Ausläufer eines Tiefdruckgebietes im Nordwesten sollte mir für die kommenden Tage konstanten Wind bescheren, so zumindest lautet die Vorhersage.

Anfangs segle ich ganz gemächlich, der raume Wind säuselt nur mit 12 Knoten. Mehr als sechs Knoten Fahrt liegen da nicht drin. Um die Mittagszeit frischt der Wind auf. Das heisst Code Zero bergen und Genua setzen. Die Welle schiebt von hinten und endlich komme ich wieder richtig gut voran.

Nach wie vor muss ich mich nordöstlich bewegen damit ich nicht wieder in die Flaute fahre. In zwei bis drei Tagen wird es dann knackig, es erwarten mich böige Winde mit Spitzen bis zu 35 Knoten.


Mittwoch 6. Mai 2020 - 34°N 52°W - Wind W 12 Knoten

Bestens ausgeruht erwartet mich um fünf Uhr morgens wieder ein strahlender Sonnenaufgang. Leicht fröstelnd trinke ich den ersten Kaffee. Im Salon messe ich 19 Grad und die Wassertemperatur ist seit meiner Abfahrt von St. Martin um 7 Grad gefallen.

Der Wind hat während der Nacht auf West gedreht, ist ansonsten aber konstant. Bei fünf Beaufort lässt sich trefflich segeln und auch der Seegang bleibt mässig mit langen Wellen von um die zwei Meter Höhe.

Tagsüber lässt der Wind dann nach und ich setze den Code Zero. Was für ein phantastischer Tag! Bis in den Nachmittag hinein ist es wolkenlos, das Wasser intensiv dunkelblau, die weisse Gischt glitzert im Sonnenlicht. Ich sitze stundenlang im Heck in der Sonne, lese und schaue zum Horizont. Das ernsthafte Gesicht des Atlantiks lässt noch auf sich warten, aber darüber bin ich wirklich nicht traurig. Auch heute, am neunten Tag meiner Reise, sehe ich kein anderes Schiff. Frachter sind mir in den vergangenen Tagen vereinzelt begegnet, aber kein einziges Segelschiff ist weit und breit auszumachen.

Die Hälfte der Strecke liegt jetzt bereits hinter mir (Hossa!), noch 1100 Meilen bis zu den Azoren.


Donnerstag 7. Mai 2020 - 34°N 49°W - Wind SSW 16 Knoten

Während der Nacht flaut der Wind wieder ab, ich mache kaum noch Fahrt. Einmal mehr berge ich den Code Zero und nehme einen Motor in Betrieb. Danach wieder auf die Couch und weiterschlafen. Im Morgengrauen werde ich geweckt, diesmal nicht vom Wecker, sondern von schwankenden Drehzahlen des Motors. Was zum Henker ist denn nun schon wieder los? Ich lausche dem Motorengeräusch, die Drehzahl nimmt kurzfristig ab, dann erholt sie sich wieder. Im Kopf analysiere ich die Situation, dreckiger Diesel, verstopfte Treibstofffilter, Dieselvorrat, wo liegt das Problem? Die Tankanzeige steht auf einem Viertel Füllstand. Ich überprüfe die Treibstoffkalkulation. Aha, demgemäss ist der Tank also leer. Ich pumpe den einen meiner beiden Reservetanks in den Haupttank und siehe da, das Problem ist gelöst und der Motor läuft wieder ruhig. Gedanklich mache ich eine Notiz, der fehlerhaften Tankanzeige irgendwann nachzugehen.

Der Wind dreht wie erwartet über SW nach SSW und frischt auf. Für den Code Zero habe ich optimale Segelbedingungen und über Stunden hinweg prescht die Swiss Mocha mit über 9 Knoten Richtung Osten. Die aktuellen Wetterdaten zeigen für heute konstante Bedingungen, was aber morgen ändern soll. Es wird ruppig werden, der Wind zwar nicht viel stärker, so bis 25 Knoten, aber sehr böig, was unruhige Verhältnisse erwarten lässt.


Freitag 8. Mai 2020 - 34°N 45°W - Wind SSW 20 Knoten

Im Westen sehe ich den Vollmond untergehen während im Osten die Sonne schon aufgegangen ist. Ein strahlender Morgen begrüsst mich, der erste Kaffee ist wie immer ein Genuss. Für die Nachtfahrt habe ich am Vorabend die Genua gesetzt, alles andere wäre unverantwortlich und leichtsinnig gewesen. Aber auch mit der Genua bin ich schnell unterwegs. Der Wind hat gegenüber gestern leicht zugelegt, die Verhältnisse immer noch konstant und ruhig. Momentan segle ich vor einer Front, die mich in der Nacht auf morgen überholen wird. Mein Kurs ist optimal Richtung Osten mit einem Windeinfall von 90°. So versuche ich möglichst Tempo zu machen und das Maximum aus dem Tiefausläufer herauszuholen.

Im Laufe des Tages wird der Himmel zunehmend bedeckt, sichere Anzeichen für die sich nähernde Warmfront. Bis zum Abend nimmt der Wind auf 20 Knoten zu, aber glücklicherweise fallen die angesagten Böen mit 25 Knoten weitaus schwächer aus, als befürchtet. Die aktuellen Wetterdaten von Christian zeigen, dass die Front zügig gegen Nordost zieht. Irgendwann in der Nacht wird dann der Wind über West nach Nord drehen.

Ich komme sehr gut voran, die Welle schiebt zusätzlich und bis Mitternacht werde ich am heutigen Tag über 200 Seemeilen zurück gelegt haben.


Samstag 9. Mai 2020 - 36°N 43°W - Wind ESE 18 Knoten

Eine anstrengende Nacht liegt hinter mir. Um Mitternacht frischt der Wind bis zu 25 Knoten auf und beginnt langsam zu drehen. Ich fahre auf raumem Kurs und muss aufpassen, keine Patenthalse hinzulegen. An Schlaf ist in diesem Moment nicht zu denken. Der Wind ist inzwischen recht böig und pendelt zwischen 20 und 30 Knoten, mit Änderung der Windrichtung sollte die Windstärke aber abnehmen. Ich warte auf den Winddreher auf West, um dann zu halsen und Richtung Nordost zu fahren. Aber ich muss mich doch eine ganze Weile gedulden, bis es soweit ist.

Einige Stunden später liegt der neue Kurs an, Wind aus Nordwest, die Segel sind getrimmt. Endlich kann ich eine Mütze Schlaf nachholen. Bei Tagesanbruch schläft der Wind dann ein und entspricht so leider nicht der Vorhersage. Ich muss mich wieder auf den Motor verlassen. Es hat geregnet, alles ist feucht, der Himmel bedeckt.

Aber der Nordwind dreht auf Nordost und frischt auf, bald schon bläst er wieder mit 15 Knoten, allerdings genau auf die Nase. Ich versuche es zuerst mit Steuerbordbug Richtung Osten, aber die Abdrift ist mit über 20 Grad zu gross. Also wende ich auf Backbordbug und segle hart am Wind und deshalb mit weniger Geschwindigkeit nach Nordwesten. Schliesslich dreht der Wind weiter über Ost bis ich wieder einen nordöstlichen Kurs erreiche. Die Bewölkung lockert sich und ich geniesse die wärmenden Sonnenstrahlen. So gerät die feuchte Kälte der Nacht in Vergessenheit und der Tag vergeht wie im Fluge.


Sonntag 10. Mai 2020 - 37N 40°W - Wind SSE 24 Knoten

Nach 24 Stunden hart am Wind bin ich ordentlich durchgeschüttelt. Der Wind hat seit gestern konstant aber sehr langsam gedreht. Im Laufe des Vormittags bin ich endlich auf dem Kurs, der mich zu den Azoren bringen wird. Ich kann schliesslich en wenig abfallen und Tempo aufnehmen. Bei einem Windeinfall von 50 bis 60 Grad prescht die Swiss Mocha durch die unruhige See. Bis zum Nachmittag erreiche ich so eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über acht Knoten. Auch heute werde ich wieder ein gutes Etmal schaffen, über 200 Meilen wie ich hoffe.

Solch eine Überfahrt alleine zu bestreiten ist wirklich extrem anstrengend. Die Müdigkeit nimmt laufend zu, selbst wenn die Bedingungen in der Nacht genügend Schlaf zulassen. Aber der Schlaf ist immer unruhig und wird ständig unterbrochen, entweder durch den Wecker oder durch plötzliche Geräusche, die einen aus dem Schlummer aufschrecken lassen. Richtig tief ist der Schlaf eigentlich nie. Trotz allem geniesse ich das Ganze in vollen Zügen. Das Alleinsein, diese Endlose Weite des Ozeans, die brachiale Gewalt der Natur. Es ist einfach unbeschreiblich schön.

Noch knapp 600 Seemeilen sind es bis nach Horta. Wenn ich weiter so schnell unterwegs bin, bin ich in drei, spätestens vier Tagen schon dort. Ich freue mich auf frisches Brot und eine Nacht ohne Wecker.


Montag 11. Mai 2020 - 38°N 37W - Wind NNW 16 Knoten

Fruehmorgens sitze ich beim Kaffee, da plötzlich glänzt kurz eine Finne im Wasser, noch einmal und dann ein letztes Mal. Ein Delfin, seit der Karibik der erste, den ich sehe. Auch so ein Einzelgänger.

Es ist wieder ein bisschen wärmer geworden, in der Nacht hat mich eine Warmfront ueberholt und der Wind hat ueber Sued nach West gedreht. Mein PC schwächelt, das U mit Umlaut funktioniert nicht mehr. Der Schäkel des Bullenstanders hat sich in der Nacht verabschiedet und die Befestigung des Bugspriets an der Querstrebe ist gebrochen. Das letztere ist unschön, bis zu den Kanaren kann ich den Code Zero nicht mehr verwenden. So wächst die Liste der Defekte, was aber wie jeder Segler weiss völlig normal ist. Zitat meines Segelfreundes Sepp: „Es gibt immer etwas zu tun“.

Ansonsten ist es ein guter Segeltag, der Wind frischt nach kurzer Schwäche wieder auf und mit 16 Knoten aus Nordnordwest komme ich bis in die späte Nacht gut voran. Nachdem am Morgen alles feucht und klamm war, scheint tagsüber wieder hie und da die Sonne, was alles etwas angenehmer macht.


Dienstag 12. Mai 2020 - 38°N 33°W - Wind NNW 15 Knoten

16 Grad, das ist die eher frostige Temperatur morgens früh im Schiff. Ja, es ist wirklich kühl geworden, und auch im Sonnenschein draussen ist der leichte Wind ziemlich bissig. Zumindest ist der Himmel auf der blauen Seite, mit Regen wäre es jetzt wirklich ungemütlich. Ich habe kalte Füsse und schalte zum ersten Mal seit langer Zeit die Heizung ein. Herrlich!

Der Wind ist mal so und mal so. Gestern perfekte Bedingungen, jetzt gerade etwas schwach und aus West. Das ändert sich aber bald darauf und so segle ich auch heute wieder zügig Richtung Osten.

Auf dem AIS sehe ich wieder mal ein Schiff, was das wohl sein mag? Ein Fischer, wie sich herausstellt. Dann etwas später taucht plötzlich ein Segelschiff auf dem Plotter auf. Innamorata heisst sie und ist die erste Begegnung seit ich St. Martin verlassen habe. Sie befindet sich knapp 20 Meilen südlich von mir mit Kurs auf Horta. Von Auge also noch länger nicht sichtbar, aber die Elektronik sagt mir, dass es sich um einen 46 Fuss Monohull handelt. Wie heisst es so richtig, ein Schiff ist ein Schiff und zwei Schiffe sind eine Regatta. Umgehend stellt sich das Jagdfieber ein und ich vergleiche laufend unsere Positionen. Wir funken dann noch miteinander, es ist ein Brite mit seiner Frau, und wir verabreden uns für einen Drink auf Horta.


Mittwoch 13. Mai 2020 - 38°N 30°W - Wind W 8 Knoten

Leicht fröstelnd und mit kalten Füssen will ich will ich - aber die Heizung will nicht - heizen. Immer wieder bekomme ich eine Fehlermeldung und die Heizung bläst kalte Luft in den eh schon kalten Salon. Ich vermute, ich muss die Treibstoffleitung entlüften. Wie das geht? Ganz einfach, Treibstoffschlauch vor der Pumpe demontieren und daran saugen, bis man den Diesel im Mund hat. Das ist so unbeschreiblich scheusslich, igitt igitt!

Nach einer Tasse Kaffe ist der Diesel-Geschmack weitgehend weg und die warme Luft ist Belohnung für die erlittenen Qualen.

Die ersten Seemöven sind sichere Anzeichen, dass Land nicht mehr in allzu weiter Ferne liegt. Ankommen werde ich aber erst am folgenden Tag. Innamorata habe ich gestern abgehängt und auf dem AIS sehe ich momentan kein anderes Schiff.

Der Wind hat auf West gedreht und abgenommen. Ich komme in den Einfluss eines Hochdruckkeils, muss die Genua einrollen und den Motor anlassen. Der Seegang ist anfangs sehr ungemütlich, das Schiff wird ordentlich durchgeschüttelt. Irgendwann nimmt dann auch der Schwell ab und die Lage beruhigt sich. Es bleibt den ganzen Tag bedeckt und grau, eine trübe Angelegenheit.


Donnerstag 14. Mai 2020 - 38°N 28°W

Der letzte Tag bricht an, heute werde ich Faial erreichen und im Hafen von Horta ankern. Das Wetter ist unverändert trüb und es ist fast windstill. Mein Dieselvorrat ist zwar knapp, aber er reicht für dieses letzte Stück des Weges noch aus. In Horta werde ich wieder tanken können. 15 Meilen hinter mir erscheint Innamorata wieder auf dem Kartenplotter. Auch wenn ich noch kein Land sehe, im Hafen von Horta, auch das sehe ich auf dem Plotter, herrscht ein ordentliches Gedränge.

Gerade hat mich ein Frachter überholt, der eine Segelyacht geladen hat. Viele Schiffe gelangen auf diese Weise von der Karibik zurück nach Europa, besonders dieses Jahr.

Ping! Willkommen in Portugal. Swisscom begrüsst mich in Europa. Es dauert aber noch, bis ich eine stabile Verbindung habe. Ganz egal wie weit eine Überfahrt ist und wie lange sie dauert, die letzten Meilen scheinen immer endlos. Nach über 2000 Meilen im Kielwasser ziehen sich die letzten 30 Meilen wie eine zähflüssige klebrige Masse. Abwarten und Kaffee trinken.

Dann endlich Land in Sicht. Wegen des trüben Wetters hat es lange gedauert. Noch drei Stunden Fahrt, dann ist es geschafft.

Und dann bin ich im Hafen, es regnet und ist trüb, aber ich bin unendlich erleichtert und die Anspannung der Überfahrt fällt von mir ab. Eine bleierne Müdigkeit überkommt mich, nach einigen Ankerbierchen und einem perfekten Filetsteak, an Bord geliefert von Peter's Café, falle ich erschöpft in die Koje und schlafe eine erholsame Nacht durch bis zum nächsten Morgen.


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