Suche
  • Franz Coester

Gestrandet auf Teneriffa



Die Karibik war unser Ziel. Wir hatten uns so darauf gefreut, über den Atlantik zu segeln und dann in die Inselwelt der Leeward und Windward Islands einzutauchen. Aber es kam alles anders.

Ende November starten wir mit unserer Transatcrew Eveline, Markus und Sepp voller Vorfreude auf die grosse Überfahrt. Von Teneriffa nach Gomera wo wir nochmals im Hafen übernachten, und danach Richtung Südwest mit Ziel Martinique. Die Wetterlage ist nicht besonders günstig, der Wind kommt aus Nordwest und dreht in den folgenden Tagen auf Südwest. Wir segeln am Wind, die Fahrt ist ruppig. Knapp 400 Seemeilen sind wir von Teneriffa entfernt, vom vorherrschenden Nordostpassat träumen wir immer noch. Der Wind ist moderat, 20 Knoten und wir segeln defensiv, haben genügend gerefft und die Genua zugunsten der Fock eingerollt. Am Spätnachmittag des fünften Tages auf See erwischt uns ein Squall, eine kleine lokale Gewitterfront. Der Wind nimmt auf gut 40 Knoten zu, aber wir fühlen uns sicher. Und da passiert es, es tut einen mächtigen Knall, der Mast bricht oberhalb des Baumes und mit viel Getöse kracht das gesamte Rigg aufs Deck und hängt danach über der Reling halb im Wasser.

Der Skipper ist entsetzt, kann das wirklich war sein? Darf das überhaupt passieren? Zuerst mal tief durchatmen. Niemand ist verletzt, allen geht es gut. Wir schalten in den Problemlösungsmodus. Zuerst muss das Rigg über Bord, wir demontieren die Wanten und Vorstage, kappen alle Leinen und danach übergeben wir die ganze Sache den Tiefen des Atlantiks. Es ist ein schrecklicher Moment, das Schiff sieht so leer aus ohne Mast und Segel. Nachdem wir den Backbordpropeller noch von einer Leine befreit haben – eine sportliche Aktion bei dem Seegang – nehmen wir Kurs auf Teneriffa, wo wir nach weiteren fünf Tagen unter Motor, glücklicherweise aus eigener Kraft ankommen. Die Transatcrew war fantastisch, alle haben angepackt, geholfen unterstützt. Markus schreibt ins Gästebuch: «Alle Dinge sind schwer, bevor sie leicht werden».

Der Frust ist riesig, die Karibik können wir vergessen. Wir müssen all unseren Gästen schreiben und die geplanten Törns absagen. Das fällt uns wirklich schwer, wir enttäuschen all jene, die mit uns segeln wollten, die ihre Ferien geplant, die Flüge bereits gebucht hatten. Ein Lichtblick in unserer momentanen Düsternis sind die Reaktionen, die uns erreichen. Wir bekommen so viel Verständnis und Zuspruch, keine Klage, kein Vorwurf. Wir sind euch allen, die betroffen waren, unendlich dankbar dafür.

Aber wie weiter? Reparatur auf Teneriffa oder auf einer anderen Kanareninsel? Oder unter Motor weiter zum europäischen Festland? Wir sprechen mit Thomas, einem Schweizer der in der Marina eine Segelmacherei betreibt. Er arbeitet mit Danilo, einem Rigger in Santa Cruz zusammen und überzeugt uns, dass wir in guten Händen seien. Wir beschliessen zu bleiben.

Zur Frage, ob der Mast brechen darf, nein natürlich darf er nicht. Auch wenn zu viel Druck im Rigg ist, darf das nicht passieren. Vorher reisst das Segel, bricht eine Leine, oder im Extremfall eine Wante. Der Mast kann nur brechen, wenn das Rigg nicht korrekt gespannt ist, oder wenn das Rigg fehlerhaft ist. Und genau das war es, es war simpel und einfach ein Konstruktionsfehler, der bezeichnenderweise im neuen Rigg korrigiert wurde. Im Nachhinein ist man immer klüger.

Und dann sind da noch die anderen Schäden, Risse im Rumpf und auf dem Deck, Hardtop, Reling abgerissen, Bug- und Heckkorb verbogen, Luken verbogen. Eine ganz schöne Liste, die abgearbeitet werden muss. Ende Dezember wird das Schiff ausgewassert, die Arbeiten beauftragt und begonnen. Und wieder ein Schlag, Miguel, der die Rumpfreparaturen übernommen hat, erleidet einen Herzinfarkt. Glücklicherweise übersteht er das gut, es werden einige Stents eingesetzt, aber arbeiten darf er nicht. Es dauert Wochen, bis er Ersatz findet und die Reparaturen fertig gestellt werden.

Der Skipper nutzt die Zeit, um alle möglichen und unmöglichen Projekte in Angriff zu nehmen, Zeit ist ja für einmal genügend vorhanden. Der Steuerstand wird modifiziert und neu gestrichen, die alten Motoren werden ausgebaut und durch neue ersetzt, das Hardtop wird verbessert, die Installation der Solarpanels modifiziert, die Liste der Kleinigkeiten ist lang. Carolin besucht die Verwandten in der Schweiz, macht Urlaub mit einer Freundin, unterstützt aber im Übrigen den Skipper nach Kräften. Irgendwann quetscht sich der ungeschickte Handwerker den kleinen Finger, mit zehn Stichen wird auch das repariert. Und langsam aber sicher arrangieren wir uns mit dieser Zwangspause, machen Ausflüge auf der Insel, sind in Masca, La Laguna, Anaga, bekommen Besuch von Rico, Sepp, Gigi und Claus. Und mit Claus besteigt der Skipper den Tejde, dessen Gipfel von der Marina aus gut sichtbar ist und ihn immer zu rufen schien.

Am 10. März ist es dann endlich soweit, die Swiss Mocha wird wieder eingewassert. Zehn Wochen später als geplant, aber wir sind auf den Kanaren, im wilden Westen. Nur der Mast lässt auf sich warten. Hergestellt wird er bei Maréchal in Frankreich, fertig sein sollte er am 11. März, um dann verschifft zu werden. Wir rufen direkt an, ja, es werde zwei Wochen später. Worauf zwei Wochen später die Verspätung wieder zwei Wochen dauern soll. Wir sind entnervt, die Zeit läuft uns langsam davon, die Sommersaison geplant und gut gebucht. Dann endlich am 11. April die erlösende Auskunft, dass der Mast fertig und bereit zum Transport sei.

Am 27. April um 9:30 Uhr sehen wir, wie der Transporter mit dem Container um die Ecke kommt und in die Marina einbiegt.

Und dann geht es wirklich vorwärts. Thomas, Danilo und Ariel arbeiten konzentriert und fokussiert. Auch am Samstag wird gearbeitet, der 1. Mai wird ignoriert, und exakt eine Woche später ist alles fertig. Der Mast steht, die Rollanlagen sind montiert, die Segel sind angeschlagen, die Leinen eingezogen, fast alles ist perfekt. Der Lazybag ist zu klein geraten, das muss noch nachgebessert werden. Aber der Rest ist einfach traumhaft. Die Qualität von Maréchal ist ausserordentlich, die Masse stimmen fast auf den Milimeter und was die Montagecrew geleistet hat verdient wirklich grossen Respekt!

Bereits einen Tag später, am 5. Mai verlassen wir die Marina San Miguel Richtung Madeira. Skippersohn Juri ist mit dabei und Belinda, eine Kollegin vom Snowboarden. Endlich segeln wir wieder und strahlen um die Wette. Und von Madeira aus wollen wir nach Lissabon, mal schauen, ob uns der Wind keinen Strich durch die Rechnung macht.



0 Ansichten

Besucher

© 2019  Swiss Mocha